Lautes Nachdenken über Sterbehilfe | MCNeubert lawblog

Lautes Nachdenken über Sterbehilfe

Montag, 23. August 2004 |  Autor:

Gestern habe ich meine 85jährige Oma im Pflegeheim besucht.

Vor 2 Wochen lief sie noch einigermaßen fit – nur leicht verwirrt und etwas schwach – bei uns durch die Gegend. Dann sollte sie nur vorübergehend zur Kurzzeitpflege in ein Heim und wir wollten sie heute wieder abholen – das ist nun leider nicht mehr möglich.

Den Schwestern im Heim gegenüber hat sie, genauso wie uns vorher schon, gesagt, sie „habe keine Lust mehr“. Sie ist dann immer schwächer geworden, bis sie schließlich nicht mehr aufstehen konnte. Jetzt liegt sie nur noch relativ leblos im Bett – kann nicht mehr richtig sprechen – bekommt die Augen nicht mehr auf – sieht scheinbar nichts mehr – hat kein Gefühl mehr in der rechten Körperseite – trinkt und isst kaum noch etwas…. aber sie „lebt“ noch.

Aufgrund einer länger zurückliegenden Rippenfraktur hat sie durch das Liegen offensichtlich starke Schmerzen im Rücken – der Hausarzt hatte ihr Morphium verschrieben – wir sollten ihr ausreichend davon geben – offensichtlich tun sich die Schwestern aber schwer mit der Verabreichung von Morphium – wahrscheinlich haben Sie (eigentlich unbegründet) Angst vor indirekter Sterbehilfe. Erst auf unseren ausdrücklichen Willen hin, bekommt sie nun dreimal täglich wieder Morphium, aber wohl nicht ausreichend, da sie offensichtlich immer noch Schmerzen hat – das müsste doch eigentlich nicht sein.

Obwohl kaum noch „Leben“ in ihr ist, scheint es ihr noch nicht vergönnt zu sein, nun friedlich einzuschlafen.Es ist schon schwieriger genug, sie in diesem Zustand zu sehen – noch schwieriger zu ertragen ist es, dass man nicht helfen kann.

Zum Glück hat sie eine Patientenverfügung, die in ihrem Zustand nun wiederbelebende Maßnahmen und künstliche Ernährung untersagt. Und diesbezüglich gibt es auch keine Probleme mit den Ärzten und den Schwestern in dem Heim – im Gegenteil: Die Schwestern scheinen froh zu sein, dass sie es mit Angehörigen zu tun haben, die ganz offen mit ihnen über den Tod reden können – ihren Reaktionen kann man entnehmen, dass ihnen das nicht oft passiert.

Trotzdem kann dieser Zustand noch lange andauern. Ich kann nur hoffen, dass sie nicht mehr richtig merkt, wie es ihr geht – obwohl ich das bezweifle.

Ich weiß, dass sie so nicht sterben wollte – warum ist es nicht möglich, diese leidensvolle Zeit zu verkürzen??

Tags »    «

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0
Thema: Allgemein

Diesen Beitrag kommentieren.

2 Kommentare

  1. 1
    EL 

    *Noch mehr laute Gedanken*
    In unserer Gesellschaft, in der es ja immer wieder sogenannte Setrbehilfe Skandale gibt, kann ich das Zögern der Schwestern in dem Heim gut nachvollziehen. Sie wollen halt nichts riskieren…
    Geht der Wunsch dem Angehörigen diese Qual zu ersparen wirklich so weit, dass man „ES“ tatsächlich tun würde, wäre es erlaubt??
    Kann man mit der Ungewissheit leben, was geworden wäre, wenn die Angehörige sich wieder aufgerappelt hätte?
    Es bleibt wie gesagt nur die Hoffnung, dass die Betroffenen nicht mehr soviel davon wirklich „erleben“ und dass sie bald Erlösung finden.
    Um ein baldiges möglichst friedliches Einschlafen kann man nur beten!

  2. 2
    kemal duyum 

    meine Schwiegermutter hat nach sechs Jahren Quallvoller Krebskrankeit nun die Phase erreicht, dass die Ärzte sagen das aus Medizinischer Sicht nichts mehr passieren kann um Ihren Zustand noch zu verbessern! Ich sitze die letzten 4 Tage neben Ihr auf ihrem letzten weg und dann kommt ein Arzt heute vorbei und sagt das Sie ihr nun Morphium verabreichen wollen da Sie immer wieder unter schwerer Atemnot steht. Ich will das aber nicht, weil damit sie den letzten Lebenszug von sich geben würde und das ist ihr klarer Verstand… noch mehr quällt mich der Punkt das die Krankenkasen Patienten in diesem Zustand nicht mehr tragen wollen oder können und Kiniken auffordern dem ein ende zu setzen oder andere Kostensinkenden Maßnahmen beizusteuern…Ob das Humane Sterbehilfe sein kann bezweifle ich an dieser Stelle obwohl ich niemandem Schmerzen in jeglicher Form wünsche. So einfach soll das ganze nicht sein.

Kommentar abgeben

Mit dem Absenden Ihres Kommentars willigen Sie ein, dass der angegebene Name, Ihre E-Mail-Adresse und die IP-Adresse, die Ihrem Internetanschluss aktuell zugewiesen ist, von mir im Zusammenhang mit Ihrem Kommentar gespeichert werden. Die E-Mail-Adresse und die IP-Adresse werden natürlich nicht veröffentlicht oder sonst weitergegeben. Mehr hierzu in den Datenschutzhinweisen.