Anwalt oder Psychologe? | MCNeubert lawblog

Anwalt oder Psychologe?

Montag, 18. Juli 2005 |  Autor:

Was macht man mit einem Mandanten, der ganz offensichtlich unter Verfolgungswahn leidet und sich einbildet wegen erfundenen Lapalien beobachtet, überwacht, abgehört und auspioniert zu werden? Obwohl ich ihm mehrfach versichert habe, dass er sich zumindest juristisch nichts zu schulden hat kommen lassen, kein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft (bei der Staatsanwaltschaft nachgefragt :-)) und er sich keinerlei Gedanken machen braucht, kommt er immer wieder und will über die gleichen Dinge reden. Selbst eine ordentliche Rechnung konnte ihn nicht von einem erneuten Kanzleibesuch abhalten. Heute habe ich ihm ganz deutlich gesagt, dass ich nicht der richtige Ansprechpartner für ihn bin und er sich an einen Psychologen wenden soll. Ich befürchte aber fast, er wird bald wieder anrufen….

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Thema: Allgemein

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7 Kommentare

  1. Was ist denn dagegen einzuwenden, wenn er für den Blödsinn auch noch bezahlt? 😉
    Vielleicht hat er ja eine Leiche im Keller liegen, weil er sich so viele Sorgen macht.

  2. 2
    MCNeubert 

    Mir tut er eher leid – auch wenn ich daran verdiene. Die Leiche im Keller vermute ich auch, aber eher familiärer Art. Es ist einfach seltsam, einen hilflosen Menschen vor sich sitzen zu haben, dem man jetzt schon 4 mal das gleiche erzählt hat und der jedes mal vorgibt, sich nun keine Gedanken mehr zu machen und trotzdem wieder kommt – mit den gleichen Gedanken und Fragen. Ich hab ihm ja nun schon – hoffentlich nett – aber deutlich gesagt, er soll zum Psychologen gehen, was soll ich sonst noch machen….

  3. 3
    Oliver J. 

    Sozial zu reagieren, finde ich wirklich löblich. Er ist wahrscheinlich einfach nur paraniod oder so was. Wenn Sie dem Menschen mit wenig Zeitaufwand helfen können, freuen Sie sich daran. Zudem werden Sie weiter empfolen.
    Ich habe den Eindruck, daß im Moment viele Menschen fachfremde Zusatzleistungen sozialer Art zu ihrem Job erbringen. Wobei zuhören und Sicherheit ausstrahlen in Ihrem Beruf nicht gerade fachfremd ist, oder?

  4. Na, oben im Text klang es noch etwas amüsiert, darum habe ich jetzt auch nicht gerade sensibel darauf reagiert. Ich würde mir jedenfalls darüber Gedanken machen, wie nah ich an die psychologische Beratung komme, wenn ich mit dem Mann über seine Probleme – die nicht rechtlicher Art sind – spreche. Dafür muss man ja bekanntlich nachweislich trainiert sein. Es ist nicht dein Aufgabenbereich, und ich nehme an, dass du dafür keine Art der Ausbildung abgelegt hast.

    Ich muss aber ehrlich sagen, manchen Leuten muss man offen den Weg weisen und manchmal auch mit Härte, selbst wenn einem klar ist, dass sie psychische Probleme haben. Mitgefühl hilft auf Dauer in manchen Fällen nicht, man hilft ihnen nur in ihrem eigenen Teufelskreis weiter, wenn man ihn nicht stoppt und sie durch zu sensible Unterstützung in ihrem Denken nur immer wieder bestätigt, und du solltest dir seine Probleme auch nicht zu deinen machen. Vielleicht solltest du bei seinem nächsten Erscheinen noch deutlicher sagen, dass er nicht mehr kommen soll, bis er wieder ein rechtlich relevantes Problem hat, und dass du dir nach rechtlicher Betrachtung seines Falls Sorgen machst, dass es doch mehr ein psychisches Problem ist und dass er bitte deinem Rat folgen soll und Beratung in diese Richtung in Anspruch nehmen sollte.

    Vielleicht könntest du ja auch mal Kontakt zu einem Therapeuten aufnehmen und umreißen, welches Problem vorliegt, und wenn du einen Therapeuten als empfänglich für die Problematik empfindest, gib deinem Mandanten die Nummer als Empfehlung.

  5. Ich sage dazu nur ein Stichwort, daß ich mir aus Musielaks Grundkurs BGB gemerkt habe: QUERULANTENWAHN.

    Im übrigen wäre deshalb auch an seiner Geschäftsfähigkeit und damit auch Prozessfähigkeit zu zweifeln. Also lieber noch schnell ein paar Rechnungen stellen, bevor jemand was merkt.

  6. 6
    MCNeubert 

    @ Jurastudentin
    Stimmt, ein ordentlich psychologische Ausbildung habe ich natürlich nicht – aber hier war eher zuhören und beruhigen gefragt und wenn ich es vielleicht auch nicht mit allen psychologischen Tricks getan habe, ich hab‘ mein Bestes versucht! Da die Grenzen fließend sind, kann ein Anwalt sowas auch machen – ich habe mich auch immer auf den juristischen Sachverhalt bezogen.

    @ Rotkäppchen
    Ja, Qerulanten kenn ich auch – aber da gibts nen Unterschied. Querulanten denken sie haben immer Recht und alle anderen sind die schuldigen – außerdem gehts bei denen in der Regel ums Prinzip.
    Mein Mandant hier ist eher total verunsichert und will nur wissen, dass er nichts falsch gemacht hat.

  7. 7
    ck 

    Geschaeftsfaehigkeit anzweifeln, aber Rechnungen schreiben – das beisst sich.

    Solche Faelle kommen immer wieder einmal vor. Obwohl ich keine Laufkundschaft habe und Mandanten seltenst sehe, kam gestern tatsaechlich jemand vorbei und wollte die Kommission von Deutschland abholen. Uebermorgen stehe ein Umzug an, und da waere es praktisch, wenn das Geld schon ausgezahlt sei. Schnell stellte sich heraus, dass es ein urheberrechtlicher Kommissions-Anspruch sein sollte, allerdings ohne erkennbare Anspruchsgrundlage aus Vertrag oder sonstigem Recht, dafuer jedoch aufgrund einer Zusage vom deutschen Kanzler. Tja. Als Anwalt kann man viel tun, Sachverhalt erfassen und Ansprueche ermitteln sollten in solchen Situationen wohl den Vorrang geniessen – und ausserdem darauf achten, dass die Nichtannahme oder Annahme eines Mandates deutlich erklaert wird.

    Dem Menschen ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit schenken – das ist meine Einstellung. Das gilt gerade fuer die Verwirrten, die von der normalen Gesellschaft leicht abgeschuettelt werden. Dazu gehoert auch, ernst zu bleiben und ernsthaft den Vortrag anzuhoeren und zu verarbeiten.

    Letztlich dienen wir Anwaelte ja Menschen, nicht Faellen.

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